Zeppelin L30

In keinem anderen Museum auf der Welt sind so viele Großexponate von einem Zeppelin-Luftschiff zu sehen, wie im Musée de l'Air et de l'Espace (Luft- und Raumfahrtmuseum) in Brüssel. Hier sind auf der Galerie einer großen Halle zwei Gondelgerippe, ein Motor und eine Funkstation ausgestellt. Da Belgien aber nie Starrluftschiffe betrieb oder sogar selber baute, drängt sich die Frage auf, wie diese eindrücklichen Relikte aus der Zeit der Zeppeline nach Belgien in ein Museum gelangen konnten ?

Die genannten Teile gehörten zum Zeppelin LZ 62, dem Marineluftschiff L 30, das im Juli 1920 als Reparationszahlung Belgien zugesprochen wurde. Da Belgien weder eine geeignete Infrastruktur, wie Hallen zur Unterbringung eines so großen Luftschiffes besaß, noch über Personal zur Führung verfügte, wurde beschlossen, das Luftschiff zerlegt nach Belgien zu transportieren. So wurde es in Seerappen, wo es seit November 1917 entleert aufgehängt war, abgerüstet.
Herrn Lecomte, dem damaligen Direktor des Museums gelang es, einige wenige Teile für seine Ausstellung zu sichern. Von den 96 Militärluftschiffen, die vom Luftschiffbau Zeppelin gebaut wurden, hat nur noch die Heckgondel des LZ 83, Heeresluftschiff LZ 113 (nicht zu verwechseln mit LZ 113, Marineluftschiff L 71, das an England ausgeliefert wurde.) überlebt und kann nun ausgezeichnet restauriert im Musée de l'Air in Le Bourget bei Paris bewundert werden.

L30 bei der Landung


LZ 62 (L 30) war der Prototyp des Zeppelin -Typs R, des sogenannten "Grosskampftyps", den die Engländer bei Bekanntwerden des Projektes ehrfurchtsvoll "The Super-Zeppelin" nannten. Während die zu Beginn des Krieges eingesetzten P- und Q-Typen im wesentlichen noch auf Vorkriegsentwürfen beruhten, wurde im April 1915 mit dem R-Typ, unter der Federführung von Dr. Arnstein, eine völlig neue Konstruktion begonnen. So konnte auf die Wünsche der Marine eingegangen und die bereits gemachten Erfahrungen im Kriegseinsatz berücksichtigt werden. Da alle weiteren bis zum Ende des Krieges gebauten Luftschifftypen auf dieser Grundkonstruktion basierten, deren Leistung nur durch das Einfügen zusätzlicher Gaszellen in einem zylindrischen Mittelstück gesteigert wurde, ist der R-Typ die einzige wirkliche Neukonstruktion während des Krieges. Interessant ist, daß mit LZ 62 der Prototyp dieser Konstruktion den Krieg überlebt hat.
Der R-Typ stellte eine deutliche Verbesserung dar gegenüber den 22 P- und 12 Q-Typen, die zur Verfügung standen. Tatsächlich wurde mit ihm der größte Entwicklungssprung aller im Krieg gebauten Zeppelin-Luftschiffe verwirklicht. Bei einer Länge von 198 m, später 196,5 m (Q-Typ: 178,5 m), einem Durchmesser von 23,93 m (18,7 m) und einem Traggasinhalt von 55.000 m³, später 55.200 m³ (35.800 m³) in 19 Gaszellen konnten die Leistungen folgendermaßen gesteigert werden: die Geschwindigkeit von 96 auf 103 km/h, die Reichweite bei Marschfahrt mit 80 km/h von 5.000 auf 7.500 km, die statische Steighöhe von 3.900 auf 5.300 m und die Nutzlast von 15.900 auf etwa 28.000 kg, später sogar auf 32.500 kg.
Auch in technischer Hinsicht war die Konstruktion des R-Typs revolutionär. Am augenfälligsten waren wohl die beiden neuen Seitengondeln, wie sie allerdings beim Luftschiffbau Schütte-Lanz schon 1914 mit SL 2 eingeführt wurden, dennoch wurde erst viel später, beim Umbau einiger R-Typen auf die umständlichen Ausleger verzichtet. Der Grund dafür war das einfache und bewährte Umsteuerungsgetriebe für die Auslegerpropeller. Die Entwicklung eines neuen, zuverlässigen, umlenkbaren Stirnradgetriebes dauerte länger als erwartet, so daß die komplette Heckgondeleinheit leicht modifiziert vom Q-Typ übernommen wurde, obwohl man wußte, daß die optimale Lösung umsteuerbare Propeller an den Seitengondeln gewesen wären.


Zusammenfassung der technischen Daten von L30

Baunummer: LZ 62
Typ: r
Länge: 198 m
Durchmesser: 23,9 m
Volumen: 55.000 m3
Zellenanzahl: 19
Leergewicht: 36.186 kg
Nutzlast: 27.721 kg
Motorenanzahl: 6
Motorleistung: 240 PS
Gesamtleistung: 1440 PS
1. Fahrt: 28.05.1916
Außer Dienst: August 1920
Eigentümer: Marine
Kommandant: Oberleutnant zur See v. Buttlar Brandenfels
Bauwerft: Friedrichshafen
Geschwindigkeit: 27,8 m/s

Vordere Gondel


Aufnahmen aus dem Musée de l'Air et de l'Espace (Luft- und Raumfahrtmuseum) in Brüssel:

Die in Brüssel ausgestellten Originalteile sind wirklich höchst interessant. Während vom Motor, dem Maybach HS.Lu, noch weitere Exemplare überlebt haben, sind sowohl die Funkstation, als auch die Gondelteile echte Unikate. Die Duraluminkonstruktion der Steuerbord-Seitengondel und der vorderen Motorgondel, die sich an die Führergondel anschloß, sind in einem ausgezeichneten Zustand - verglichen mit der LZ 127-Gondel in Friedrichshafen - obwohl sie blank sind und unbehandelt erscheinen. Außen sind die mit Aluminium beplankten Partien in einem leicht bläulichen Grau gestrichen. Gemäß der Schiffsbeschreibung vom Luftschiffbau Zeppelin entsprach diese Farbe den stoffbespannten Teilen der Gondeln, die wiederum der Grundfarbe der gesamten Hülle entsprach. Leider ist die Stoffbespannung der Gondeln nicht mehr erhalten. Es scheint aber erwiesen, daß die Luftschiffe des R-Typs, bevor sie zum Teil die schwarze Nachttarnfarbe erhielten, grau waren und nicht gelb-braun, wie sie in vielen Publikationen dargestellt wurden. Auch die Gondeln waren grau und nicht silbern, den die gesamte Oberfläche war gestrichen, es gab kein blankes Aluminium. Ganz falsch ist natürlich die silberne Hülle eines R-Typ-Luftschiffes im Film "ZEPPELIN" mit Michael York und Elke Sommer. Die silberne Hüllenfarbe wurde beim LZ erst mit LZ 126 eingeführt.

Sehen Sie hier einige Bilder aus Brüssel:

L30 Gondeln im Musée de l'Air in Brüssel


L30 Gondel im Musée de l'Air in Brüssel


Blick in eine Gondel


L30 Gondel im Musée de l'Air in Brüssel


Hinteres Ende der Gondel


Der Prototyp LZ 62 (L 30) bekam die seit LZ 48 (L 15 - erste Fahrt am 9. September 1915) bewährten 6-Zylinder Maybachmotoren vom Typ HS.Lu, die eine Wellenleistung von 240 PS erbrachten. Ein solcher Motor ist in Brüssel ausgestellt. Die 6 Motoren, verteilt auf vier Gondeln, trieben 6 Lorenzen-Holzluftschrauben an, die alle einen Durchmesser von 5,5 m und eine Steigung von 3,65 m hatten. Die Propeller befanden sich am Heck der vorderen Führer-Maschinengondel, an den Seitengondeln, am Heck der hinteren 3-Motoren-Gondel, sowie an den beiden Auslegern.
Die Betriebsstoffe umfassten 780 Liter Öl und 15.828 Liter Treibstoff, die in total 54 Abwurfbenzinfässern, davon 14 speziellen Fallbenzinfässern, untergebracht waren. Die Fallbenzinfässer waren so aufgehängt, daß eine Gravitätsversorgung der Motoren bis zu einer Neigung des Luftschiffes von 30° möglich war.

Maybach Motor HSLu


Benzinzufuhr


Zur Standortbestimmung durch Funkpeilung und zur Verständigung untereinander bei Geschwaderangriffen befand sich an Bord eine Funkstation der Firma Telefunken. Die in Brüssel gezeigte Anlage entspricht dem Modell von 1917 und wurde wahrscheinlich erst später, bei einer Modernisierung, in LZ 62 eingebaut. Diese Anlage hatte eine Antennenenergie von 800 W, womit eine Reichweite von 1.500 km erreicht werden konnte. Für den Sender waren Frequenzen mit einer Wellenlänge von 300 bis 1.700 m verfügbar, für den Empfänger solche von 170 bis 3.300 m. Die Antenne bestand aus drei unabhängigen Drähten mit einer Länge von 120 m, die an ihren Enden durch stromlinienförmige Gewichte beschwert wurden. Die ganze Funkanlage inklusive Generatoren, Leitungen und Zubehör wog 485 kg.

Folgende Bilder zeigen die Funkstation, Bauart Telefunken. Links sind noch die Auslegergetriebe zu erkennen, die zum Antrieb zweier Propeller seitlich der Heckgondel dienten.

Auslegergetriebe der Heckpropeller und Funkstation


Funkstation von Telefunken


Die Bewaffnung zur Abwehr gegen feindliche Flugzeuge bestand aus 10 Maschinengewehren von Typ 08/15 mit gekürztem Lauf und Wasserkühlung. Drei befanden sich auf der Bugplattform, je zwei in der Führer- und in der Heckgondel und je eines in den beiden Seitengondeln und im Heckstand, unmittelbar hinter dem Leitwerk. Die Bombennutzlast lag bei maximal 7.600 kg, verteilt auf 8 Sprengbomben zu je 300 kg, 40 Sprengbomben zu je 100 kg und 120 Brandbomben zu je 10 kg. Diese Nutzlast war natürlich stark abhängig von der verlangten Reichweite und vom Gasauftrieb, der je nach Wetterlage variierte. Temperaturdifferenzen von einem Grad Celcius veränderten den Auftrieb um etwa 150 kg.
Obwohl auf den Zeichnungen von LZ 62 (L 30) und LZ 72 (L 31) eine Spähkorbanlage eingezeichnet ist, war eine solche bei den Marineluftschiffen nicht mehr eingebaut. Lediglich auf einigen Fotos des Heeresluftschiffs LZ 83 (LZ 113) ist ein fischförmiger Spähkorb auszumachen.
Rettungseinrichtungen gab es so gut wie keine und nur einige Heeresluftschiffe führten Fallschirme mit, da sie sich weniger oft über dem Wasser befanden. Bei Aufnahmen der ersten R-Typ-Zeppeline sind auf dem First oder unter dem Kiel befestigte Schlauchboote zu sehen. Zu welchem Zweck diese dienen sollten ist nicht genau bekannt.

Bugplattform mit 3 MG 08/15


Textquelle:

Die Reste von L 30 (LZ 62)
Ein kurzes technisches Resümee des Luftschiffbau Zeppelin

© Andreas Horn, Basel Mai 1997
für das Web redigiert von
Harry C. Redner

Bilder:

Nach Unterlagen des Zeppelin-Museums Tondern



Zeppelin

Stand: Mai 2001